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Die Nashörner

Presse

aus dem Südkurier vom 21.05.2008

Wie eine Stadt in kollektiven Wahn verfällt

RHEINFELDEN. Mit Ionescos "Die Nashörner" wagt sich das VHS-Ensemble "Querfeldrhein" an einen Klassiker / Stimmige Inszenierung

© Südkurier
Ungläubiges Staunen im Provinzstädtchen: Szene aus dem Theaterstück "Die Nashörner" im Rheinfelder Bürgersaal.
Foto: Frey

Man hört Getrampel, Getöse, Rumpeln und Schnauben. Aufgeregt versammeln sich die Bürger des Provinzstädtchens: "Was ist los? Was ist das?" Ungläubig sehen sie, wie ein Nashorn durch die Straßen rennt. Ist es aus dem Zoo oder dem Wanderzirkus entlaufen? Jedenfalls wirbelt das Nashorn mächtig Staub auf und bringt die Ordnung und das Alltagsleben völlig durcheinander. Dann bricht eine regelrechte Nashorn-Epidemie über das Städtchen herein...

Mit dem Stück "Die Nashörner" von Eugène Ionesco inszeniert die VHS-Theatergruppe "Querfeldrhein" im Rheinfelder Bürgersaal einen Klassiker des absurden Theaters. Kein leichter Stoff also für das ambitionierte Ensemble, das sonst im Komödienfach schon mehrfach glänzte. Doch auch mit diesem Schauspiel von Ionesco können die Darsteller unter der Regie von Thomas Schmidt vollauf überzeugen, wie sich bei der mit großem Beifall aufgenommenen Premiere zeigte. "Die Nashörner" führt ebenso grotesk wie komisch, aber auch erschreckend vor, wie sich Menschen verwandeln und verändern, wie eine Art Massenpsychose entsteht, ausgelöst durch frei durch die Gegend laufende Nashörner, die immer mehr die Macht übernehmen. Wobei die Nashörner eine Metapher sind für das Fremde, für Wesen, mit ihrer Macht, Stärke und Kraft eine eigentümliche Faszination ausstrahlen.

"Wie ist das möglich in einem zivilisierten Land?" empören sich die Bürger. "Das können wir uns nicht gefallen lassen!" Die einen halten die Nashörner für einen Mythos "wie fliegende Untertassen", die anderen für eine gefährliche Invasion, die sich ausbreitet wie eine ansteckende Krankheit. Den Darstellern gelingt es dabei sehr eindrücklich, die schleichenden Veränderungen und unheimlichen Verwandlungen der Menschen im Städtchen darzustellen. Mit sparsamer Bühnenausstattung, immer wieder eingeblendeten Geräuschen und gelungenen Regie-Effekten bringen die Darsteller sowohl das Absurde, das Komisch-Groteske und das Beklemmende dieses Stücks zum Ausdruck.

Im ersten Akt wird dargestellt, wie sich Streit, Unruhe und Diskussionen unter den Bewohnern des Städtchens ausbreiten. Man begegnet skurrilen Figuren wie dem älteren Herrn (Wolfgang Dreiser), der Logikerin (Meike Stolp) oder der katzenliebenden Hausfrau (Brunhilde Hering). Die zweite Szene spielt im Büro, wo die Abteilungsleiterin (Maria Lo Voi) auf Pflicht und Ordnung pocht und Frau Wisser (perfekt im strengen, verbissen belehrenden Ton: Sabine Tomczak) den merkwürdigen Nashorn-Fall aufzuklären versucht. Doch bald herrscht der Ausnahmezustand, die Feuerwehr muss gerufen werden, der Strudel der Ereignisse reißt alle mit.

Hauptfigur ist der resignierte, unglückliche Büroangestellte und Trinker Behringer. Matthias Lentz spielt überzeugend diesen von Ängsten, Zweifeln und Frust geplagten Einzelgänger, der sich als Einziger gegen die grassierende "Rhinozeritis" zu wehren versucht. Das ist packend und ausdrucksstark gespielt, wie er in einer Szene die Verwandlung seines Freundes Hans (großartig dargestellt von Jean Metz) in ein Nashorn miterleben muss. Dem Freund wächst zusehends ein Horn, seine Haut wird dicker und härter, er gebärdet sich energiestrotzend und stürmt wie ein wild gewordenes Tier über die Bühne. Immer mehr Kleinstädter mutieren zu Nashörnern, selbst der Akademiker Stech (Carmine Melino) und die umschwärmte Büro-Schönheit Daisy (Martina Sporer) laufen ins Nashornlager über. Und Behringer schaut dem Treiben hilflos, nervöser und verzweifelt zu. Zum Schluss harrt er allein als "letzter Mensch" aus, während im Hintergrund schon die bedrohlichen Schatten der Dickhäuter warten. Dank solcher theaterwirksamer Regie-Effekte, einer stimmigen Inszenierung und einem Ensemble, das sich in diesem hintergründigen Schauspiel sehr gut behauptet, erlebte das Premierenpublikum einen ebenso unterhaltsamen wie lehrreichen Theaterabend.

Roswitha Frey

Weitere Aufführungen am 23. und 24. Mai, 20 Uhr, sowie am 25. Mai, 19.15 Uhr.