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Die Nashörner

Die Nashörner

In den vier Akten seines Theaterstücks "Die Nashörner" beschreibt Eugène Ionesco, wie sich eine menschliche Gesellschaft langsam verändern kann.

Im Mittelpunkt des Geschehens steht der Büroangestellte Behringer, der "sich auf dieser Welt unbehaglich fühlt". An einem ganz gewöhnlichen Sonntag in einer kleinen Provinzstadt kommt Behringer zu spät zu einem Treffen mit seinem Freund Hans. Dieser beginnt sofort, den verkaterten und ungepflegten Behringer zu kritisieren, als plötzlich ein Nashorn durch die Straßen stürmt und kurz großes Aufsehen erregt.

Behringer klagt über sein Leben, vor allem über seine Arbeit. Sein einziger Lichtblick ist seine Arbeitskollegin Daisy, in die er verliebt ist. Er ist zu schüchtern, sie anzusprechen, und will auch nicht, dass sie ihn in seinem jetzigen Zustand sieht. Da galoppiert ein zweites Nashorn über den Platz, verschreckt die Passanten und überrennt die Katze einer Hausfrau.

Eine Diskussion wird entfacht, ob es sich um zwei verschiedene oder um ein und dasselbe Nashorn handelt. Die empörten Leute auf dem Marktplatz sind sich darüber einig, dass man eine Gefährdung durch die Nashörner nicht zulassen kann. Doch niemand ergreift Maßnahmen gegen diese Gefahr und bald beruhigt sich alles schnell wieder. Nur Behringer und Hans zerstreiten sich heftig über die Frage, ob die Nashörner ein oder zwei Hörner getragen haben.

Im zweiten Akt kommen die Arbeitskollegen von Behringer im Zeitungsverlag zusammen und diskutieren darüber, ob die Zeitungsmeldungen stimmen können und tatsächlich Nashörner gesichtet wurden. Das Gesprächsthema wird von der Realität eingeholt, als wütende Nashörner die Treppe des Verlags zertrampeln. Dank der Feuerwehr werden die Eingesperrten aber gerettet.

Am darauf folgenden Tag treibt Behringer im dritten Akt das schlechte Gewissen zu Hans, er will sich bei ihm für den Streit des Vortages entschuldigen. Er findet Hans in merkwürdiger Stimmung vor, er wird zunehmend wirrer und aggressiver. Letztendlich muss Behringer erleben, wie sich sein Freund in ein Nashorn verwandelt und ihn zertrampeln will. Dies ist der Anfang eines Alptraums: Immer mehr Menschen werden von dem Massenwahn erfasst und verwandeln sich, einer nach dem anderen, in die Dickhäuter. Sie schließen sich der Herde an, teils aus Opportunismus, teils aus innerer Verwandtschaft, aber auch aus Angst.

Der Individualist Behringer widersteht der Metamorphose, bleibt mit verzweifeltem Mut unter den Herdentieren - ein Mensch. Er gesteht Daisy seine Liebe und will mit ihr die menschliche Welt retten. Doch die Macht der Nashörner wird immer stärker, und Behringers Liebe zu Daisy wird auf eine harte Probe gestellt.

Ionesco treibt das Absurde in seinem Theaterstück bis ins Komische und lässt bewusst offen, wer seine "Nashörner" eigentlich sind. Sie strotzen vor körperlicher Kraft und strahlen eine alles hinwegtrampelnde Energie aus. Es bleibt dem Zuschauer überlassen, Parallelen in der Vergangenheit und der Gegenwart zu erkennen.

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Eugène Ionesco

(* 26. November 1909 in Slatina, Rumänien; ? 28. März 1994 in Paris) war ein französischer Autor. Er gilt als wohl bedeutendster französischer Dramatiker der Nachkriegsjahrzehnte und als ein führender Vertreter des absurden Theaters.

Er wurde unter dem Namen Eugen Ionescu im damaligen Königreich Rumänien als erstes Kind eines Juristen und Verwaltungsbeamten und der in Rumänien aufgewachsenen Tochter eines dort tätigen französischen Eisenbahningenieurs geboren.

1913 ging die junge Familie nach Paris, weil der Vater dort promovieren wollte.

Als 1916 Deutschland und Österreich Rumänien den Krieg erklärten, kehrte der Vater zurück in sein Heimatland, wo er sehr rasch alle Verbindungen zu seiner Familie kappte, die Scheidung beantragte und wieder heiratete. Der inzwischen sechsjährige Ionesco blieb in Paris, zusammen mit seiner jüngeren Schwester und seiner Mutter, die sich und die Kinder mühsam mit Gelegenheitsarbeiten und Zuwendungen ihrer französischen Verwandten ernährte. Er wurde, damit die Mutter arbeiten konnte, in ein Kinderheim gesteckt, in dem er sich aber nicht eingewöhnen konnte.

Die Jahre 1917-19 lebten er und seine Schwester bei einer Bauernfamilie in einem Dorf, La Chapelle-Athenaise, nahe Laval (Mayenne), Normandie - in seiner Erinnerung eine paradiesische Zeit.

1922 gingen die Geschwister zum Vater nach Bukarest. Hier mussten sie, obwohl sie durch ihren Vater rumänische Staatsbürger waren, Rumänisch fast wie eine Fremdsprache lernen und fanden kein Verhältnis zu ihrer (kinderlos gebliebenen) Stiefmutter.

1926 überwarf sich Ionesco mit seinem offenbar sehr autoritären Vater, der für die inzwischen manifesten literarischen Interessen seines sechzehnjährigen Sohnes nur Verachtung übrig hatte und einen Ingenieur aus ihm machen wollte. Er zog zur Mutter, die inzwischen auch wieder nach Rumänien gekommen war und einen passablen Posten bei der rumänischen Staatsbank gefunden hatte.

1928 begann er ein Französischstudium an der Universität Bukarest, wobei er auch seine spätere Frau Rodica Burileanu kennenlernte, eine Philosophie- und Jurastudentin aus einflussreicher rumänischer Familie. Er las viel und schrieb (auf Rumänisch) Lyrik, Feuilletonistisches und Literaturkritiken. Nachdem er 1934 sein Studium abgeschlossen hatte, unterrichtete er Französisch an verschiedenen Schulen und anderen Bildungseinrichtungen.

Im Jahr 1936 heiratete er.

1948 konzipierte Ionesco (zunächst auf Rumänisch) sein erstes Stück, La Cantatrice chauve/Die kahle Sängerin, das 1950 aufgeführt wurde und, wenn auch nicht beim Publikum, so doch bei etlichen Kritikern und Literaten Beachtung fand.

1950 nahm er, dessen Muttersprache ohnehin Französisch war, die französische Staatsbürgerschaft an. Er verfasste noch zahlreiche weitere Stücke und etwas widerwillig, aber unaufhaltsam, avancierte Ionesco im Laufe der Jahre zu einem etablierten Autor, der zu Vorträgen eingeladen, mit Preisen und Ehrungen überhäuft und 1970 auch in die Académie Française aufgenommen wurde.

1973 erhielt er den Jerusalempreis für die Freiheit des Individuums in der Gesellschaft.

1975 kam sein letztes Stück heraus, L'Homme aux valises/Der Mann mit den Koffern. Hiernach zog sich Ionesco auf seine Position als unbestritten anerkannter Autor zurück, genoss und verwaltete seinen Ruhm.

In den achtziger und neunziger Jahren verfiel Ionesco zunehmend in schwere Depressionen und begann als Therapie dagegen mit der Malerei.

Als er 84-jährig in Paris starb und auf dem Cimetière du Montparnasse begraben wurde, war er nicht nur ungekrönter König des sog. "Theaters des Absurden", sondern galt auch als einer der großen französischen Dramatiker überhaupt. Die häufig vorhandenen politischen Botschaften seiner Stücke werden heute kaum mehr wahrgenommen, sondern als Kritik an allzumenschlichen Schwächen verstanden.

Laut Le Monde vom 21.12.07 ist Ionesco außerhalb Frankreichs zurzeit der mit Abstand am häufigsten gespielte französische Theaterautor.

Quelle: Wikipedia