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Die Befristeten

Presse

aus der Badischen Zeitung vom 25.01.2017

Schwere Kost für Querfeldrhein

VHS-Theatergruppe spielt "Die Befristeten" von Elias Canetti.

© Badischen Zeitung
In einer fiktiven Gesellschaft unterhalten sich Susanne Ammann und Maria Kannen-Schmidt über Liebe und Ehe (von rechts).
Foto: Roswitha Frey

RHEINFELDEN. "Mutter, ich habe solche Angst", sagt der Junge, der wissen will, wie lange seine Mutter leben wird. "Du bekommst noch mehr als hundert Gute-Nacht-Küsse von mir", tröstet sie ihn. Diese Szene stammt aus dem Stück "Die Befristeten" von Elias Canetti, das die Rheinfelder VHS-Theatergruppe "Querfeldrhein" am Wochenende an drei Abenden im Pfarreizentrum St. Josef aufgeführt hat.

Kein leichter Stoff, sondern ein schwieriges Stück, das sich Regisseur Thomas Schmidt und sein Ensemble vorgenommen haben. Die Zuschauer sehen eine fiktive Gesellschaft der Zukunft, in der jeder sein genaues Sterbedatum kennt, aber sein Alter nicht preisgeben darf. Dies muss ein Geheimnis bleiben. Alle Menschen tragen eine Kapsel, in der Geburts- und Todeszeit verborgen sind, und werden nach der Anzahl ihrer Jahre genannt.

Spannung und Dramatik kommt in diese Gesellschafts-Vision, als einer gegen das System aufbegehrt und nachforscht, was es mit den geheimnisvollen Kapseln und der festgelegten Lebensdauer auf sich hat.

Thomas Schmidt inszeniert dieses Stück des Nobelpreisträgers Canetti in einer dichten Folge von kurzen Szenen, in denen die Akteure in immer neuen Begegnungen und Dialogen zu erleben sind. Stapel von Kartons werden in offenen Umbauten als mobile Elemente hin und her geschoben, aufgetürmt oder als Sitzbänke arrangiert - ein geschickter Einfall, um das Spiel im Fluss zu halten. Die ambitionierte Amateur-Schauspielgruppe schafft es, diese wesentlichen philosophischen Fragen über das Leben und den Tod, die in diesem Stück anklingen, eindrücklich im Spiel und überzeugend in den Figuren rüber zu bringen.

In der Hauptrolle beeindruckt Matthias Lentz als wissbegieriger "Fünfzig", der beharrlich nachbohrt, den mächtigen Kapselan mit unbequemen Fragen löchert, Zweifel am System schürt und aufrührerische Reden führt. Glaubhaft als Autoritätsperson verkörpert Hans Krusche den Kapselan, den akkuraten Wächter über Ordnung und Gesetz. Sympathisch und nachvollziehbar in den Reaktionen spielt Rüdiger Fleck den Freund des Rebellen Fünfzig, der erst noch skeptisch und abwägend reagiert.

Auch die weiteren Darstellerinnen und Darsteller, die teils mehrere Rollen spielen, zeigen die ganze Palette menschlicher Gefühle im Wissen um den Zeitpunkt des Todes. Marianne Grundler drückt als überlastete Frau bei der Arbeit Angst, Verzweiflung und Furcht vor dem letzten Augenblick aus, während Sabine Tomczak als ihre überhebliche Kollegin mit spitzem Ton auf die Wahrung des Alters-Geheimnisses pocht.

Darsteller zeigen die ganze Palette menschlicher Gefühle im Wissen um den Zeitpunkt des Todes.

Anrührend und voller Warmherzigkeit spielt Ingeborg Königsfeld die Großmutter, die in einem bewegenden Gespräch mit ihrem Enkel (burschikos und aufgeweckt in dieser Hosenrolle: Sylvia Braun) von alten Zeiten erzählt. Als junge Mutter beim Begräbnis ihres Kindes hat Anja Braekow eine aufwühlende Szene. Emotional geht es auch in verschiedenen Paar-Beziehungen zu. Maria Kannen-Schmidt vermittelt überzeugend die traurigen Empfindungen einer Frau, die ihren Geliebten (Peter Bretscher) verlassen muss, weil ihr letzter "Augenblick" kurz bevorsteht. Bei allem Ernst des Themas gibt es zwischendurch auflockernde, ja sogar erheiternde Szenen. Etwa, wenn Susanne Ammann und Maria Kannen-Schmidt als munteres Damen-Duo über die Vorteile und Nachteile von kurzen und langen Ehen disputieren und im Publikum nach Kandidaten Ausschau halten. Lebhaft gespielt ist auch die Szene, in der Hauptdarsteller Lentz zwei alten Frauen mit Namen 92 und 96 (trefflich in Mimik und Gestik dargestellt von Ingeborg Königsfeld und Marianne Grundler) ihre streng gehüteten Kapseln abluchst. Als er die ominösen Kapseln öffnet, macht er eine ungeheuerliche Entdeckung. Das Ensemble tritt auch mal als kommentierender "Chor" in Erscheinung. Man hört von der tobenden Menge die Rufe "Weg mit den Kapseln!" Im Schlussbild sind alle Akteure versammelt als Menschen, die vom Joch des Systems befreit sind. Der anerkennende Beifall der Zuschauer belohnte die "Querfeldrhein"-Gruppe für den Mut, so einen nachdenkenswerten Theaterstoff auf die Bühne zu bringen.




aus dem Südkurier vom 18.01.2017

Querfeldrhein bringt Tabuthema auf die Theaterbühne

Was wäre, wenn die Menschen wüssten, wie lange sie leben werden? Diese Vision einer Gesellschaft, in der alle Frauen und Männer ihre Lebensdauer kennen, entwirft der Dramatiker und Literaturnobelpreisträger Elias Canetti in seinem Theaterstück "Die Befristeten".

© Südkurier
Theaterproben zwischen Kartons und Kisten: Die Darsteller Hans Krusche, Rüdiger Fleck, Sabine Tomczak und Marianne Grundler von der Theatergruppe Querfeldrhein mit Regisseur Thomas Schmidt (von links).
Foto: Roswitha Frey

Die VHS-Theatergruppe "Querfeldrhein" bringt dieses moderne Schauspiel im Pfarreizentrum St. Josef in Rheinfelden auf die Bühne. Premiere ist am 20. Januar.

"Ich wollte keine Schenkelklopfer-Komödie machen, sondern ein ernsthaftes Stück über ein interessantes Thema", erklärt Regisseur Thomas Schmidt. Elf Schauspielerinnen und Schauspieler, neben bewährten Mitgliedern des Ensembles auch zwei neue Darsteller, sind in 22 Rollen zu erleben. Ein bisschen habe das Stück schon mit Science Fiction zu tun, aber es werfe auch philosophische Fragen auf, erzählt Schmidt bei einer Probe.

Autor Canetti lässt in seinem Stück, das in den 1950er Jahren entstanden ist, Zeit und Ort der Handlung offen. Es spielt in einer fiktiven Zukunftswelt, in der jeder weiß, wann er sterben wird. Die Menschen tragen ihre Namen nach der Anzahl ihrer Lebensjahre. Alle haben eine geheimnisvolle Kapsel um den Hals, in der Geburts- und Todesdatum notiert sind. Niemand darf verraten, wie alt er ist und wie lange er noch zu leben hat. Jeder kommt mit einem bestimmten Lebenskapital zur Welt und kann es nach Belieben einteilen. Als Ordnungshüter wacht der Kapselan über das strenge Gesetz und das Ritual. Doch es gibt einen Mann namens Fünfzig, der das System unterläuft, nachforscht und eine Rebellion in Gang setzt.

Die ungewöhnliche Art, wie Canetti in seinem kühnen Gedanken-Spiel mit dem Tabuthema Tod umgeht, habe Thomas Schmidt beeindruckt. Die Menschen, die um ihre letzte Stunde wissen, verändern ihr Verhalten und gestalten ihr Leben anders. Sie planen Projekte anders, sie gehen ihre Beziehungen und Ehen anders an, Frauen suchen bei der Partnerwahl gezielt "Kurz-Männer" oder "Lang-Männer". Die Personen durchleben verschiedene Emotionen. Die eine ist verzweifelt und fürchtet, mit ihrer Arbeit nicht fertig zu werden, ihre Kollegin mahnt sie, das Geheimnis ihres Alters nicht zu verraten. "Man fragt sich selber, wie es wäre, wenn man seine Lebensdauer kennen würde und ob dies mehr Lebensqualität bedeuten würde", so Schmidt.

Das Stück bietet viel Nachdenkenswertes. "Aber es hat bei allem Ernst auch vergnügliche Momente, bei denen man lachen kann", verrät Schmidt. Er inszeniert den Canetti texttreu, hat nur das Ende etwas abgewandelt. In der Aufführung von "Querfeldrhein" endet es optimistisch. So ungewöhnlich wie das Stück ist auch das Bühnenbild. 30 Kartons dienen als mobile Bühnenelemente und einzige Ausstattung. "Ich liebe solche Bühnenbilder, die nicht vom Schauspielen ablenken", sagt Schmidt, der zum sechsten Mal Regie bei Querfeldrhein führt. Da Raum, Zeit und Ort des Geschehens offen gelassen sind, hat man sich für zeitlose, dunkel-neutrale Kostüme entschieden.

Darsteller lieben Abwechslung

Die Hauptfigur, den Mann namens Fünfzig, der gegen das System rebelliert, spielt Matthias Lentz. Eine weitere, tragende Rolle hat Rüdiger Fleck als dessen Freund. Den Kapselan, der das Gesetz und die Ordnung kontrolliert, verkörpert Hans Krusche. In weiteren Rollen agieren Sabine Tomczak, Marianne Grundler, Ingeborg Königsfeld, Anja Braekow, Susanne Ammann und Sylvia Braun.

Erstmals im Querfeldrhein-Ensemble dabei sind Maria Kannen-Schmidt und Peter Bretscher. "Wir Schauspieler können uns in diesem Stück wunderbar entfalten", sagt Sabine Tomczak, eine erfahrene Darstellerin. "Das Thema ist sehr spannend", bekräftigt auch Rüdiger Fleck. Es gefalle der Theatergruppe, dass sie, immer abwechselnd, mal eine vergnügliche Komödie unter Wolfgang Dreiser, mal ein ernstes Stück, wie dieses unter Regie von Thomas Schmidt, aufführen.

Die Termine Premiere: "Die Befristeten" am Freitag, 20. Januar, 20 Uhr. Vorstellungen: 21., 26., 27., 28. Januar, jeweils 20 Uhr, Sonntag, 22. Januar, 17 Uhr, im Pfarreizentrum St. Josef.

Vorverkauf: VHS Rheinfelden und Buchhandlung Merkel.